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JEDES BUCH AUFGEHOBEN – SAMMY

Ella hatte sich angewöhnt, nach der zweiten Stunde ein paar Minuten zu warten, bevor sie an ihr Schließfach ging. Wenn der Flur leerer war, konnte sie ihre Bücher wechseln, ohne Jasmin zu begegnen. Meistens funktionierte das. Doch an diesem Morgen stand Jasmin bereits hinter ihr, begleitet von einem zweiten Mädchen, das bei jeder Gemeinheit verlegen mitlachte.

Ella hatte gerade das grüne Matheheft ins Fach geschoben, als Jasmin nach ihrer Tasche griff. Die Bücher rutschten heraus, Hefte flogen über die Fliesen und eine Trinkflasche rollte davon. „Na, wieder zu langsam?“, spottete Jasmin. Ella kniete sich hin und versuchte, ihre Unterlagen einzusammeln. Morgen schrieb sie eine wichtige Klassenarbeit, und in den Heften standen Wochen voller Notizen. „Bitte, das sind meine Sachen“, sagte Ella. Jasmin schob ein Buch mit dem Stiefel zur Seite, bevor Ella es erreichen konnte.

Dann hob sie die Trinkflasche und trat bedrohlich näher. Ella hob instinktiv die Arme vor das Gesicht. Sie kannte diesen Blick. Er bedeutete, dass Jasmin gerade testete, wie viel Angst sie ihr noch machen konnte. Plötzlich erklangen ruhige Schritte hinter ihnen.

Sofia aus der Oberstufe blieb stehen. Sie war größer als Jasmin, trug Schwarz und hatte kein Handy in der Hand. Ihr Blick wanderte von den verstreuten Büchern zu Ellas verängstigtem Gesicht. „Leg das weg. Geh zurück“, sagte sie. Jasmin schnaubte und ging drohend auf Sofia zu. Sofia wich aus. Im Durcheinander verlor Jasmin das Gleichgewicht und landete auf dem Flurboden. Sofia lachte nicht. Sie beugte sich einfach zu Ella hinunter und sammelte ein Blatt nach dem anderen ein. Zuerst das grüne Matheheft, dann das lila Deutschbuch, schließlich den Stift unter der Bank. Sie reichte Ella alles zurück, als wären diese Dinge so wichtig, wie sie für Ella tatsächlich waren. „Komm“, sagte Sofia.

„Ich begleite dich zum Unterricht.“ Sie gingen nebeneinander los. Hinter ihnen blieb Jasmin sprachlos sitzen. Ella wusste nicht, ob morgen wieder etwas passieren würde. Aber sie wusste, dass sie heute nicht allein durch diesen Flur musste. Manchmal beginnt Mut nicht mit einem großen Kampf. Manchmal beginnt er damit, dass jemand stehen bleibt, hilft und sagt: „Du musst da nicht allein durch.“

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