Charlotte lachte, während sie weißen Joghurt über Lisas Architekturzeichnung schüttete. Die neunzehnjährige Schülerin kniete auf dem Boden des Schulflurs. Um sie herum lagen zerdrückte Sandwiches, Schulhefte und zerknitterte Blätter. „Ups!“, sagte Charlotte grinsend. „Dein Meisterwerk ist wohl ruiniert!“ Mehrere Mitschüler hoben ihre Smartphones. Lisa antwortete nicht. Sie starrte auf die Zeichnung, an der sie mehr als achtzig Stunden gearbeitet hatte.

Es war keine gewöhnliche Hausaufgabe. Sie hatte ein Konzept für ein soziales Wohnprojekt entwickelt, das sie bei einem bundesweiten Architekturwettbewerb einreichen wollte. Der erste Preis war ein Stipendium. Und Lisa brauchte dieses Stipendium dringend. Ihre Mutter hatte Schwierigkeiten, die Rechnungen der Familie zu bezahlen. Lisa arbeitete deshalb abends in einer Bäckerei, um sie zu unterstützen. Charlotte wusste von dem Wettbewerb. Sie wusste auch, dass Lisa zu den aussichtsreichsten Teilnehmern gehörte. Genau deshalb hatte sie diesen Tag ausgewählt, um die Zeichnung zu zerstören.
„Du hast doch nicht wirklich geglaubt, dass du gewinnen kannst?“, spottete Charlotte. Lisa versuchte verzweifelt, den Joghurt von dem Papier zu wischen. Doch die Zeichnung war bereits durchnässt. Plötzlich hallte draußen das Geräusch eines Automotors über den Schulhof. Eine schwarze Luxuslimousine hielt vor dem Eingang. Ein silberhaariger Mann stieg aus und nahm eine Aktentasche aus Leder mit. Sein Name war Dr. Friedrich Richter, Vorsitzender einer regionalen Architekturstiftung.
Er war gekommen, um die endgültigen Wettbewerbsbeiträge zu begutachten. Als Charlotte ihn den Flur entlangkommen sah, verschwand ihr Lächeln. Sie erkannte ihn sofort. Die Stiftung finanzierte nicht nur den Wettbewerb. Sie hatte auch das Bauunternehmen ihres Vaters unterstützt. Dr. Richter blieb stehen, als er Lisa neben der zerstörten Zeichnung knien sah.
„Was ist hier passiert?“ Charlotte wollte etwas sagen. Doch Lisas zitternde Stimme kam ihr zuvor. „Jemand hat mein Projekt zerstört.“ Dr. Richter kniete sich hin und betrachtete die beschädigten Pläne. Dann sah er sich die Fotos des Modells auf Lisas Smartphone an. Sein Gesichtsausdruck veränderte sich. „Haben Sie das wirklich selbst entworfen?“
Lisa nickte. Der ältere Mann betrachtete die Bilder erneut. „Junge Frau, ich suche schon seit Tagen nach der Person, die diesen Entwurf geschaffen hat.“ Charlotte starrte ihn ungläubig an. „Was?“ Dr. Richter öffnete seine Aktentasche und nahm eine Mappe heraus. Darin lag ein Brief, der an Lisa adressiert war. Und sein Inhalt bedeutete, dass die Zerstörung ihrer Zeichnung viel zu spät gekommen war, um ihren Erfolg noch verhindern zu können.