Fabian wollte Nele vor der ganzen Schule bloßstellen. Er hatte sogar seine Freunde gebeten, alles zu filmen. Doch nur wenige Sekunden später stand er selbst mitten auf dem Flur, von Kopf bis Fuß mit roter Farbe bespritzt.
Nele war neunzehn und besuchte ein Berufskolleg in Düsseldorf. Sie liebte Kunst und verbrachte jede freie Minute im Werkraum.
Ihre Familie hatte nicht viel Geld. Deshalb trug sie meistens einfache Kleidung und einen alten Rucksack.
Fabian fand das lächerlich.

Der selbst ernannte König der Klasse verspottete sie seit Monaten. Besonders gern tat er das, wenn seine Freunde ihre Handys bereithielten.
An diesem Freitag hatte Fabian eine neue Idee.
Er nahm eine Schale mit roter Farbe aus dem Kunstunterricht und wartete vor der Tür des Werkraums.
Als Nele den Flur entlangging, stellte er sich ihr in den Weg.
„Na, Nele? Heute mal wieder im Billiglook unterwegs?“
Seine Freunde lachten.
Nele blieb stehen. „Lass mich bitte vorbei.“
Fabian hob die Farbschale.
„Was meinst du? Würde dir Rot nicht besser stehen?“
Nele sah auf die Schale und dann in sein Gesicht.
„Pass lieber auf, was du machst.“
Doch Fabian lachte nur lauter.
In seiner Aufregung trat er unachtsam zurück. Sein Schuh geriet in die bereits verschüttete Farbe. Er ruderte mit den Armen, und die Schale kippte.
Im nächsten Augenblick landete die rote Farbe auf seiner teuren Jacke.
Stille.
Dann lachte einer seiner Freunde.
Fabian starrte auf seine Kleidung.
„Das ist alles deine Schuld!“, schrie er Nele an.
Doch ein Mitschüler hielt sein Handy hoch.
„Nein, Fabian. Wir haben alles aufgenommen.“
Das Video zeigte deutlich, dass Fabian selbst die Farbe mitgebracht und Nele bedroht hatte.
Wenig später kam der Kunstlehrer aus dem Unterrichtsraum.
Als er die verschütteten Materialien sah, wurde sein Gesicht ernst.
Die Farbe war für ein gemeinsames Kunstprojekt gedacht gewesen, dessen Erlös einem Kinderhospiz zugutekommen sollte.
Fabian musste die Materialien ersetzen und beim Aufräumen helfen.
Nele sagte kein einziges spöttisches Wort.
Sie ging zurück an ihre Staffelei und malte weiter.
Am folgenden Montag hing ihr fertiges Bild im Eingangsbereich der Schule.
Darunter stand ein Titel, bei dem Fabian unwillkürlich stehen blieb:
„Wahre Größe braucht kein Publikum.“