Drei junge Frauen glaubten, sie könnten Anna ungestraft in der Hochschultoilette einschüchtern. Doch sie hatten nicht damit gerechnet, wer wenige Sekunden später durch die Tür kommen würde.
Anna Berger war neunzehn und studierte im ersten Semester an einer Hochschule in Hamburg. Sie war schüchtern, trug eine große Brille und verbrachte ihre Pausen meistens allein in der Bibliothek.
Genau deshalb hatte Vanessa sie zu ihrem Lieblingsziel erklärt.

Vanessa war zwei Jahre älter, selbstbewusst und dafür bekannt, dass sie andere mit verletzenden Kommentaren bloßstellte. Seit Wochen machte sie sich über Annas Kleidung und ihre zurückhaltende Art lustig.
An diesem Nachmittag folgte Vanessa ihr mit drei Freundinnen auf die Toilette.
„Na, kleine Streberin?“, fragte sie und stellte sich vor den Ausgang.
Anna versuchte vorbeizugehen.
Doch Vanessa warf ihr Notizbuch auf den Boden.
„Heb es auf!“
Anna kniete sich hin. Ihre Hände zitterten.
„Bitte, ich möchte einfach nur gehen.“
Vanessa lachte. „Dann geh doch!“
In diesem Moment öffnete sich die Tür.
Eine blonde Frau mit kurzer Frisur, goldener Brille und schwarzer Lederjacke betrat den Raum.
Es war Hannah Krüger, eine Studentin aus dem höheren Semester.
Sie sah Anna auf dem Boden und Vanessa vor ihr stehen.
„Was soll das?“, fragte Hannah ruhig.
Vanessa verschränkte die Arme. „Misch dich nicht ein!“
Doch Hannah stellte sich neben Anna.
„Sie hat gesagt, dass sie gehen möchte. Also lasst sie.“
Als Vanessa wütend näher trat, wich Hannah aus und hielt die Tür offen. Vanessa stolperte zurück und verlor kurz das Gleichgewicht.
Ihre Freundinnen verstummten.
Hannah half Anna auf und rief den Sicherheitsdienst der Hochschule.
Doch dann geschah etwas Unerwartetes.
Eine der drei Freundinnen begann zu weinen.
Sie erzählte, dass Vanessa auch sie seit Monaten unter Druck setzte. Sie hatte aus Angst mitgemacht.
Anna hörte schweigend zu.
Zum ersten Mal begriff sie, dass sie nicht das einzige Opfer gewesen war.
Als der Sicherheitsdienst eintraf, machten gleich mehrere Zeuginnen eine Aussage.
Hannah begleitete Anna hinaus.
„Danke“, flüsterte Anna. „Ich dachte, niemand würde mir glauben.“
Hannah lächelte.
„Menschen wie Vanessa leben davon, dass alle schweigen.“
Am nächsten Tag fand Anna eine Nachricht in ihrem Hochschulpostfach. Sie stammte von einer der Mädchen, die am Vortag zugesehen hatten.
Und ihr Inhalt veränderte die ganze Geschichte.