Posted in

DIE HAND DAZWISCHEN – SAMMY

Das Scheppern des Tabletts hörte man bis ans andere Ende der Mensa. Melina sah gerade noch, wie Dana vor ihr stehen blieb. Die ältere Schülerin trug ihre rot-weiße Sportjacke, als wäre sie eine Auszeichnung, die ihr das Recht gab, über andere zu bestimmen. Melina war erst seit sechs Wochen an der Gesamtschule.

Doch Dana hatte bereits dafür gesorgt, dass die Neue sich nirgends willkommen fühlte. Heute reichte Dana ein blöder Spruch nicht mehr. Sie kippte ein Tablett mit kalten Nudeln und Tomatensoße über Melinas Kopf. Die Soße lief durch ihre Haare und über den pastellfarbenen Pullover. Melina presste die Hände vors Gesicht, während um sie herum Stühle rückten und Schüler aufsprangen. Einige lachten nervös. Andere starrten fassungslos.

Niemand hatte damit gerechnet, dass Dana so weit gehen würde. „Du gehörst hier nicht dazu“, sagte sie laut. Melina wollte nicht zurückschreien. Sie wollte ihre Augen sauber bekommen, ihr Essen stehen lassen und irgendwo verschwinden, wo keine Handys auf sie gerichtet waren. „Hör bitte auf“, brachte sie hervor. Doch Dana rückte näher und drohte mit erhobener Hand. „Was willst du denn machen?“ Dann schob sich plötzlich eine andere Hand dazwischen.

Jemand hatte den Weg zwischen Dana und Melina freigemacht und stoppte die drohende Bewegung, bevor sie Melina erreichen konnte. „Schluss jetzt“, sagte eine ruhige Stimme. Dana erstarrte. Die anderen Jugendlichen sahen nicht mehr Melina an, sondern die Person, die endlich eingeschritten war. Melina erkannte zunächst nicht, wer ihr half. Ihr Gesicht war verschmiert, und die Tränen machten alles unscharf. Sie spürte nur, wie ihr jemand Taschentücher reichte und ein Mitschüler die Aufsicht holte. Ein Mädchen stellte sich neben sie und fragte, ob sie gemeinsam ins Sekretariat gehen sollten. Melina nickte vorsichtig.

Die Unterbrechung hatte nur einen Augenblick gedauert. Aber aus dem Spektakel war plötzlich ein Vorfall geworden, für den Dana sich erklären musste. Als die Mensaleiterin hinzukam, sagten mehrere Schülerinnen gleichzeitig: „Wir haben alles gesehen.“ Melina war noch immer aufgewühlt. Zum ersten Mal seit ihrer Ankunft fühlte sie sich trotzdem nicht mehr unsichtbar.

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *