Mia wollte in der großen Pause nur ihre Nudeln essen. Sie setzte sich wie immer an den Tisch am Fenster, wo es etwas ruhiger war als mitten in der Mensa. Seit Beginn des Schuljahres hatte Vanessa sie auf dem Kieker. Mal machte sie sich über Mias Kleidung lustig, mal kommentierte sie jedes Wort, das Mia im Unterricht sagte.

Für Außenstehende waren es angeblich nur Witze. Mia wusste längst, wie anstrengend diese Witze waren. Als Vanessa mit drei Freundinnen hinter ihr auftauchte, ahnte Mia sofort, dass etwas passieren würde. Vanessa grinste und ließ mit einer Gabel einen schwarzen Gummi-Scherzartikel auf ihr Tablett fallen. Zwei Jungen sprangen erschrocken auf, dann lachten sie. Vanessa verbeugte sich übertrieben. „Guten Appetit!“ Mia starrte auf das Stück Gummi neben ihrem Essen. Sie wusste, dass es ungefährlich war. Trotzdem fühlte es sich an, als hätte jemand ihr Mittagessen und ihren Platz in der Schule in eine Bühne verwandelt. Vanessa beugte sich näher.
„Na, plötzlich keinen Hunger mehr?“ Eine Freundin hielt bereits das Handy hoch, offensichtlich in der Hoffnung auf Tränen oder einen Wutausbruch. Früher hätte Mia den Kopf gesenkt. Vielleicht wäre sie gegangen und hätte bis zur nächsten Stunde nichts gegessen. Doch diesmal bemerkte sie die Schulsozialarbeiterin am Ende des Tisches. Sie hatte die ganze Szene beobachtet und machte sich gerade auf den Weg zu ihnen. Mia hob langsam den Blick.
Die Angst war noch da, aber plötzlich hatte sie einen Grund, nicht davonzulaufen. „Du solltest dich mal umdrehen“, sagte sie und lächelte ein wenig. Vanessas Grinsen erstarrte. Die Schulsozialarbeiterin bat die Gruppe, die Handys wegzustecken, und fragte ruhig, wer den Gegenstand auf das Tablett gelegt hatte. Niemand lachte mehr. Mia schob ihren Teller beiseite und holte tief Luft. Zum ersten Mal musste sie die Demütigung nicht allein erklären. Später würden andere darüber diskutieren, ob sie mutig gewesen war. Mia dachte nur daran, dass sie in der nächsten Pause vielleicht wieder in Ruhe essen konnte.