Tobias schüttete eine ganze Schüssel gelbe Soße über Felix’ T-Shirt und wartete darauf, dass alle lachten. Für einen Moment taten sie das auch. Dann stand Felix auf. Der Neunzehnjährige hatte gerade ruhig in der Mensa seines Berufskollegs gesessen und die erste richtige Mahlzeit gegessen, die er sich in dieser Woche leisten konnte. Abends arbeitete er in einem Supermarkt. Den größten Teil seines Lohns gab er seiner Mutter, damit sie die Miete bezahlen konnten.

Tobias wusste, dass Felix wenig Geld hatte. Und er ließ keine Gelegenheit aus, ihn daran zu erinnern. „Na, sieh mal einer an!“, lachte Tobias und hielt die leere Metallschüssel hoch. Felix blickte auf sein durchnässtes T-Shirt. Das Essen war über sein Tablett und den Edelstahltisch gelaufen. „Du hast gerade mein Mittagessen verschwendet.“ Tobias beugte sich näher. „Na und? Willst du mich jetzt schlagen?“ Mehrere Schüler beobachteten die beiden aufmerksam.
Sie wussten, dass Tobias andere gerne so lange provozierte, bis sie die Kontrolle verloren. Doch Felix ballte seine Hände nicht zu Fäusten. Er stand langsam auf und sah Tobias direkt an. „Nein. Ich werde dafür sorgen, dass du endlich damit aufhörst.“ Tobias lachte noch lauter. „Na dann, viel Glück!“ Was Tobias nicht wusste: Felix sammelte seit Wochen Beweise. Er hatte jedes Ereignis mit Datum notiert, Namen von Zeugen aufgeschrieben und Nachrichten anderer Schüler gespeichert, die ebenfalls schikaniert worden waren. Er hatte keinen Kampf geplant. Er bereitete eine offizielle Beschwerde vor.
Noch am selben Nachmittag betrat Felix das Büro der Schülerbetreuung. Er brachte Fotos von seinem verschmutzten T-Shirt und dem zerstörten Mittagessen mit. Zunächst wirkte die Mitarbeiterin überrascht. Dann legte Felix eine dicke Mappe auf den Schreibtisch. „Das sind nur die Vorfälle, die mich betreffen“, erklärte er. Die Mitarbeiterin öffnete die Mappe. Darin befanden sich Aussagen von sieben weiteren Schülern.
Tobias hatte monatelang Mitschüler eingeschüchtert, ihnen Essen weggenommen und sie zu Gefälligkeiten gedrängt. Bis dahin hatte niemand alle Vorfälle gemeinsam gemeldet. Eine Untersuchung wurde eingeleitet, und mehrere Zeugen bestätigten Felix’ Aussagen. In der folgenden Woche kam Tobias wieder in die Mensa.
Seine üblichen Freunde warteten nicht auf ihn. Stattdessen erhielt er eine offizielle Aufforderung, zu einem Gespräch mit der Schulleitung zu erscheinen. Felix saß an seinem gewohnten Platz und aß zu Mittag. Und zum ersten Mal ging Tobias an ihm vorbei, ohne ein einziges Wort zu sagen.