Ihre Mutter hinterließ ihr eine blaue Uhr mit einem geheimen Knopf – und in dieser Nacht musste Alba ihn benutzen
Die blaue Uhr sah aus wie ein Spielzeug.
Klein.
Schlicht.
Mit einem kräftig blauen Armband und einem winzigen Knopf an der Seite, den man kaum bemerkte, wenn man nicht genau hinsah.

Jeder Erwachsene hätte sie wahrscheinlich für irgendeine billige Kinderuhr gehalten.
Doch für Alba war sie viel mehr.
Sie war das Letzte, was ihre Mutter ihr hinterlassen hatte.
Bevor Elena starb, hatte sie die Uhr an Albas schmales Handgelenk gelegt, den Verschluss geschlossen und ihr etwas gesagt, das das siebenjährige Mädchen damals nicht verstanden hatte.
„Drück diesen Knopf nur, wenn jemand versucht, dich einzusperren.“
Alba hatte ihre Mutter mit großen Augen angesehen.
„Warum sollte mich jemand einsperren?“
Elena hatte darauf nicht geantwortet.
Sie hatte ihre Tochter nur fest an sich gedrückt.
Lange.
Viel länger als sonst.
Und Alba erinnerte sich noch Jahre später an den Geruch ihres Parfüms.
Warm.
Leicht süß.
Ein Duft, der irgendwann nur noch in ihrer Erinnerung existierte.
Siebenjährige Mädchen sollten nicht darüber nachdenken müssen, warum ihre Mutter ihnen einen geheimen Alarmknopf hinterlässt.
Sie sollten nicht wissen, wie sich Angst hinter verschlossenen Türen anfühlt.
Sie sollten nicht lernen müssen, dass Erwachsene freundlich lächeln können, während sie gleichzeitig etwas Grausames planen.
Aber in der Villa Belmonte gab es vieles, was Alba nicht verstand.
Zum Beispiel, warum niemand über ihre Mutter sprach.
Nicht ihr Vater.
Nicht die Bediensteten.
Und ganz besonders nicht Valeria Santacruz.
Valeria war nach Elenas Tod immer häufiger in der Villa gewesen.
Zunächst nur bei Familienessen.
Dann fast jeden Tag.
Schließlich benahm sie sich, als würde das Haus ihr gehören.
Sie bestimmte, welche Kleidung Alba tragen sollte.
Welche Lehrer sie besuchen durfte.
Wann sie essen durfte.
Mit wem sie sprechen durfte.
Und wann immer Alba nach ihrer Mutter fragte, wurde Valerias Gesicht hart.
„Deine Mutter ist tot“, sagte sie dann. „Du musst endlich aufhören, in der Vergangenheit zu leben.“
Doch Alba konnte nicht aufhören.
Vor allem wegen des Ostflügels.
Der Ostflügel der Villa war fast immer dunkel.
Die schweren Vorhänge blieben geschlossen.
Die Türen waren verschlossen.
Und obwohl dort kaum jemand hinging, wurde jeden Morgen der Flur gereinigt.
Es war, als würde jemand dafür sorgen, dass niemand hinein durfte – und gleichzeitig wollte, dass dort alles perfekt blieb.
Ganz am Ende des Flurs gab es eine Tür.
Hinter dieser Tür hatte ihre Mutter früher ein Zimmer gehabt.
Alba erinnerte sich nur schwach daran.
An einen hellen Teppich.
An Bücher.
An eine kleine silberne Bürste auf einem Schminktisch.
Und an den Duft dieses Parfüms.
Doch nach Elenas Tod war die Tür abgeschlossen worden.
„Dieses Zimmer ist tabu“, hatte Valeria gesagt.
„Warum?“
„Weil ich es sage.“
Alba hatte gelernt, keine weiteren Fragen zu stellen.
Aber in manchen Nächten wachte sie plötzlich auf.
Dann lag sie regungslos in ihrem Bett und hörte etwas.
Ein Geräusch.
Sehr leise.
Manchmal glaubte sie, Schritte hinter der Wand zu hören.
Manchmal ein Flüstern.
Und manchmal eine Stimme.
Eine Frauenstimme.
So schwach, dass Alba nie sicher wusste, ob sie wirklich existierte.
Doch jedes Mal dachte sie dasselbe:
Mama.
An diesem Nachmittag geschah etwas, das alles veränderte.
Alba war allein im Flur.
Valeria war unten.
Ihr Vater war nicht in der Villa.
Die Bediensteten waren beschäftigt.
Und die Tür zum Ostflügel stand einen Spalt offen.
Alba blieb stehen.
Ihr Herz begann schneller zu schlagen.
Sie wusste, dass sie nicht hineingehen durfte.
Gerade deshalb konnte sie den Blick nicht abwenden.
Langsam drückte sie die Tür weiter auf.
Der Flur dahinter war kühl.
Staub schwebte im Licht, das durch einen schmalen Spalt zwischen den Vorhängen fiel.
Jeder Schritt klang zu laut.
Alba ging weiter.
Bis sie vor der Tür stand.
Dem Zimmer ihrer Mutter.
Und diesmal war sie nicht abgeschlossen.
Alba legte ihre kleine Hand auf den Türgriff.
Dann drückte sie ihn herunter.
Die Tür öffnete sich.
Der Geruch traf sie sofort.
Alt.
Staubig.
Aber darunter lag etwas anderes.
Parfüm.
Genau dieser Duft.
Alba blieb wie erstarrt stehen.
„Mama?“
Keine Antwort.
Im Zimmer lagen mehrere Kartons.
Einige geschlossen.
Einer offen.
Darin befanden sich Fotos.
Briefe.
Kleider.
Und eine kleine Spieluhr.
Alba trat näher.
Dann hörte sie etwas.
Ein Flüstern.
So schwach, dass sie glaubte, ihr Herz hätte es erfunden.
„Alba …“
Sie drehte sich um.
Niemand.
„Mama?“
Wieder dieses Geräusch.
Vielleicht kam es aus der Wand.
Vielleicht aus dem angrenzenden Raum.
Vielleicht war es nur der Wind.
Doch Alba wusste plötzlich, dass sie nicht allein war.
Dann erschien Valeria in der Tür.
Sie schrie nicht.
Und genau das machte alles schlimmer.
Sie stand einfach da.
Regungslos.
Ihr Blick wanderte durch das Zimmer.
Dann auf Alba.
Und schließlich auf ihr Handgelenk.
Auf die blaue Uhr.
„Was hast du angefasst?“
Alba zog sofort den Ärmel über ihre Hand.
„Nichts.“
Valeria machte einen Schritt auf sie zu.
„Zeig mir deine Hand.“
Alba wich zurück.
„Nein.“
Valerias Gesicht veränderte sich.
„Ich sagte, zeig mir deine Hand.“
Jetzt wusste Alba, dass etwas nicht stimmte.
Nicht nur mit diesem Zimmer.
Nicht nur mit der Uhr.
Mit allem.
Valeria griff nach ihrem Arm.
Alba riss ihn zurück.
Und erinnerte sich an die Worte ihrer Mutter.
Drück diesen Knopf nur, wenn jemand versucht, dich einzusperren.
Sie wusste nicht, was passieren würde.
Sie wusste nicht, wohin das Signal ging.
Sie wusste nicht einmal, ob der Knopf nach all den Jahren noch funktionierte.
Vielleicht war es nur eine alte Uhr.
Vielleicht hatte ihre Mutter ihr damals nur helfen wollen, weniger Angst zu haben.
Doch Alba hatte keine andere Wahl.
Sie drückte den Knopf.
Einmal.
Kurz.
Fast unmerklich.
Valeria bemerkte es.
Ihre Augen wurden schmal.
„Was hast du gerade gemacht?“
Alba sagte nichts.
Valeria packte sie am Handgelenk.
„Gib mir die Uhr.“
„Nein!“
„GIB SIE MIR!“
Alba zog den Arm an sich.
Valeria hielt inne.
Dann wurde sie plötzlich wieder ruhig.
„In Ordnung.“
Ihre Stimme war jetzt beinahe freundlich.
Und genau das machte Alba noch mehr Angst.
„Dann müssen wir dir wohl beibringen, was passiert, wenn du nicht gehorchst.“
Wenig später wurde Alba in den großen Speisesaal gebracht.
Die Kronleuchter leuchteten golden über dem langen Tisch.
Elegant gekleidete Gäste saßen auf gepolsterten Stühlen.
Kristallgläser glänzten.
Silberbesteck lag neben weißen Tellern.
Es hätte eine wunderschöne Szene sein können.
Wenn nicht ein kleines Mädchen mitten im Raum gestanden hätte.
Und wenn Valeria nicht zwei eiserne Fesseln in der Hand gehalten hätte.
Alba sah sie an.
„Was ist das?“
Valeria kniete sich vor sie.
„Eine Lektion.“
Das erste Metallband schloss sich um Albas Knöchel.
Klick.
Alba zuckte zusammen.
Dann das zweite.
Klick.
Eine kurze Kette verband beide.
Alba konnte kaum einen Schritt machen.
Das Metall war kalt.
Schwer.
Und bei jeder Bewegung klirrte es auf dem Marmorboden.
Die Gäste sahen zu.
Keiner sagte etwas.
Einige blickten weg.
Andere taten so, als würden sie weiteressen.
Alba verstand das nicht.
Warum half niemand?
Warum sagte niemand Valeria, sie solle aufhören?
Valeria stand auf.
„So lernt ein Mädchen zu gehorchen.“
Alba sah zur Tür.
Der blaue Knopf.
Hatte er funktioniert?
War das Signal angekommen?
War ihr Vater überhaupt in der Nähe?
Sie wusste es nicht.
Sie zwang sich, nicht zu weinen.
Nicht laut.
Ihre Augen brannten trotzdem.
Minuten vergingen.
Oder vielleicht nur Sekunden.
Für Alba fühlte es sich an wie eine Ewigkeit.
Dann—
BANG.
Die große Tür flog auf.
Alle drehten sich um.
Ricardo Belmonte stand im Eingang.
Ganz in Schwarz.
Den Mantel noch in der Hand.
Sein Blick wanderte durch den Raum.
Über die Gäste.
Über Valeria.
Dann sah er Alba.
Und die Ketten an ihren Knöcheln.
Er blieb stehen.
Sein Gesicht veränderte sich nicht sofort.
Doch der ganze Raum schien plötzlich kälter zu werden.
Niemand bewegte sich.
Ricardo ging langsam auf seine Tochter zu.
Jeder seiner Schritte hallte durch den Saal.
Dann blieb er direkt vor ihr stehen.
Er sah auf die Fesseln.
Dann zu Valeria.
Und mit einer Stimme, die gefährlich ruhig war, fragte er:
„Wer hat meine Tochter angekettet?“
Valeria wurde blass.
„Ricardo, ich kann das erklären.“
Er sah sie nicht einmal an.
Er kniete sich vor Alba.
„Schatz.“
Seine Stimme wurde weicher.
„Wer hat das gemacht?“
Alba blickte zu Valeria.
Dann zu ihrem Vater.
Und plötzlich erinnerte sie sich wieder an das Zimmer.
An den Geruch.
An die offene Kiste.
An die Stimme hinter der Wand.
Ihre Unterlippe begann zu zittern.
„Papa …“
Ricardo nahm vorsichtig ihre Hand.
„Ich bin hier.“
Alba schluckte.
Dann sagte sie die Worte, die den ganzen Saal erstarren ließen:
„Papa … sie hat mich in Mamas Zimmer eingesperrt.“
Stille.
Absolute Stille.
Valeria verlor jede Farbe im Gesicht.
Ricardo hob langsam den Kopf.
„Mamas Zimmer?“
Alba nickte.
„Und da war jemand.“
Jetzt sah selbst Valeria erschrocken aus.
Ricardo richtete sich auf.
„Was meinst du mit jemand?“
Alba drehte sich Richtung Ostflügel.
„Ich habe ihre Stimme gehört.“
Ricardo erstarrte.
Valeria machte einen Schritt zurück.
Und genau in diesem Moment begann irgendwo tief im Ostflügel etwas zu klingeln.
Leise.
Metallisch.
Drei kurze Töne.
Ricardo sah zur Tür.
Dann zu Valeria.
Und Alba verstand plötzlich:
Der geheime Knopf an ihrer blauen Uhr hatte nicht nur ihren Vater gerufen.
Er hatte noch etwas anderes aktiviert.
Etwas, von dessen Existenz offenbar nicht einmal Valeria wusste.
Fortsetzung folgt.