Als Isabel das kleine Gerät hochhielt und darüber lachte, liefen Lina bereits die Tränen über die Wangen. Doch was ihre Peinigerin nicht wusste: Jede Sekunde wurde von einer winzigen Kamera aufgezeichnet.
Lina war neunzehn und besuchte ein Berufskolleg in Bremen. Seit ihrer Kindheit lebte sie mit einer starken Hörbeeinträchtigung.
Mit ihren Hörhilfen und durch Lippenlesen konnte sie sich gut verständigen. Trotzdem begegneten ihr immer wieder Menschen, die ihre Einschränkung nicht ernst nahmen.
Eine davon war Isabel.

Die zwanzigjährige Schülerin liebte Aufmerksamkeit und machte sich seit Wochen über Lina lustig.
An einem kalten Novembernachmittag trafen sie im Schulhof aufeinander.
Lina trug eine graue Winterjacke und einen dicken Schal. An ihrem Rucksack hing ein kleines Anschauungsmodell, das sie für ein Schulprojekt über Barrierefreiheit vorbereitet hatte.
Isabel bemerkte es sofort.
„Was ist das denn? Dein Ersatz-Ohr?“
Lina versuchte, ruhig zu bleiben.
„Bitte lass es einfach.“
Doch Isabel nahm das Modell und legte es auf einen Metallcontainer.
Dann stellte sie ihren schwarzen Stiefel daneben.
„Und wenn ich es jetzt kaputtmache?“
Ihre Freunde lachten.
Lina kniete sich hin.
„Gib es zurück. Ich brauche es für meine Präsentation.“
Isabel grinste.
„Dann hol es dir doch!“
Lina spürte, wie ihr die Tränen kamen.
Plötzlich entdeckte sie ein kleines grünes Licht an ihrer Jacke.
Ihre Kamera.
Sie hatte das Gerät am Morgen für ein Dokumentationsprojekt befestigt und völlig vergessen, dass es noch eingeschaltet war.
Langsam richtete Lina sich auf.
„Ihr solltet besser aufhören.“
Isabel lachte. „Warum denn?“
Lina zeigte auf ihre Jacke.
„Weil alles aufgenommen wurde.“
Schlagartig verstummten die anderen.
Am nächsten Tag zeigte Lina die Aufnahme einer Vertrauenslehrerin. Die Schule leitete eine Untersuchung ein und bot Lina Unterstützung an.
Doch Lina wollte mehr als eine Entschuldigung.
Sie beschloss, aus ihren Erfahrungen einen kurzen Dokumentarfilm zu machen.
Einige Wochen später wurde er bei einer Schulveranstaltung gezeigt.
Am Ende standen zahlreiche Zuschauer auf und applaudierten.
Noch am selben Abend erhielt Lina eine Nachricht von einer anderen hörbehinderten Schülerin.
„Danke. Ich dachte immer, ich wäre die Einzige.“
Lina las diese Worte mehrmals.
Zum ersten Mal verstand sie, dass ihr Film etwas verändert hatte.