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Das Mädchen ohne Angst – SAMMY

Finn packte Anna am Revers ihres Blazers und drängte sie gegen den eisernen Schulzaun. Ihre Bücher fielen auf den Betonboden. Hinter ihm hob ein anderer Schüler sein Smartphone und begann zu filmen. „Na los!“, lachte Finn. „Wehr dich doch!“ Doch Anna bewegte sich nicht.

 

Die Neunzehnjährige hatte das gesamte vergangene Schuljahr damit verbracht, möglichst unauffällig zu bleiben. Finn gehörte zu den beliebtesten Sportlern ihres Berufskollegs in Köln und liebte es, anderen zu zeigen, wie mächtig er war. Er nahm Anna ihre Unterlagen weg, versteckte ihre Sachen und verspottete sie, sobald seine Freunde in der Nähe waren. Doch heute war etwas anders. Zum ersten Mal senkte Anna ihren Blick nicht.

Finn beugte sich näher zu ihr. „Was ist los? Hast du Angst?“ Anna schaute auf seine Hand, die ihren Blazer festhielt. Dann blickte sie ihm direkt in die Augen. „Nein“, antwortete sie. „Ich bin müde.“ Finn lachte. „Wovon denn?“ „Davon, so zu tun, als wäre das alles normal.“ Sein selbstsicheres Grinsen wurde schwächer. Anna sprach weiter, langsam und deutlich genug, damit das Handy hinter ihm jedes Wort aufnehmen konnte. „Du bedrohst mich seit Monaten.

Ich habe dich zweimal gemeldet. Und jedes Mal hast du behauptet, ich würde lügen.“ Finn warf seinem Freund einen nervösen Blick zu. „Hör auf zu filmen!“ Doch Max senkte sein Smartphone nicht. Anna bemerkte es. „Warum? Vor einer Minute wolltest du doch noch, dass alle zusehen.“ Inzwischen hatten sich mehrere Schüler am Schuleingang versammelt. Finn ließ ihren Blazer los. Anna kniete sich hin und sammelte ihre Bücher einzeln auf. Sie beeilte sich nicht. Sie weinte nicht.

Als sie wieder aufstand, schaute sie zu Max. „Bitte lösch dieses Video nicht.“ Max zögerte. Dann nickte er. Noch am selben Nachmittag schickte Anna die Aufnahme an die Schulleitung, zusammen mit Kopien ihrer früheren Beschwerden. Zum ersten Mal hörte ihr jemand aufmerksam zu. Es wurde ein offizielles Gespräch vereinbart, bei dem auch andere Schüler über ihre Erfahrungen berichten konnten. Was Anna am meisten überraschte, war nicht, dass Finn endlich Konsequenzen zu erwarten hatte. Es war die Anzahl der Mitschüler, die zugaben, ebenfalls Angst vor ihm gehabt zu haben.

Als Anna das Gespräch verließ, kam Max auf sie zu. „Ich hätte dir schon viel früher helfen müssen“, sagte er. Anna sah ihn einen Moment lang an. „Dann hilf dem nächsten Menschen, bevor er darum bitten muss.“

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