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Der letzte Schnitt – Sammy

Charlotte lachte, während Naomi auf dem kalten Schulhof kniete. Dunkle Haarsträhnen lagen auf dem Boden. Eine Mitschülerin filmte alles.
„Na, wie gefällt dir deine neue Frisur?“
Doch Naomi antwortete nicht. Sie konnte kaum aufhören zu weinen.
Die neunzehnjährige Naomi Mensah besuchte ein Berufskolleg in Nordrhein-Westfalen. Sie war ruhig, intelligent und trug ihre natürlichen Locken mit Stolz.
Für Charlotte war genau das ein Grund, sie zu verspotten.

Seit Wochen machte sie abfällige Bemerkungen über Naomis Haare und ihre Kleidung.
An diesem Herbstmorgen hatte Charlotte eine besonders grausame Idee.
Mit Hilfe zweier Mitschüler stellte sie Naomi auf dem Schulhof zur Rede. Charlotte hatte einen Haarschneider dabei.
Als Naomi erkannte, was die anderen vorhatten, versuchte sie wegzugehen.
„Bitte, lasst mich in Ruhe!“
Doch die Gruppe bedrängte sie weiter.
Wenig später lagen dunkle Haarsträhnen auf dem Pflaster.
Charlotte hielt Naomi einen kleinen goldenen Spiegel vor.
„Schau dich an! Jetzt hast du endlich eine ordentliche Frisur!“
Naomi blickte auf ihr Spiegelbild.
Ihre Augen füllten sich mit Tränen.
Was Charlotte nicht wusste: Naomis Großmutter hatte ihr als Kind beigebracht, ihre natürlichen Haare niemals als etwas zu betrachten, für das sie sich schämen musste.
Die Worte ihrer Großmutter waren für Naomi besonders wichtig gewesen.
Und genau diese Erinnerung hatte Charlotte gerade verletzt.
Plötzlich ertönte ein Motor.
Ein Polizeifahrzeug fuhr langsam auf den Schulhof.
Charlotte richtete sich selbstsicher auf.
Ihr Vater arbeitete bei der Polizei, und sie glaubte, dass seine Kollegen ihr helfen würden.
„Endlich!“, rief sie. „Die anderen übertreiben völlig!“
Doch die beiden Beamten gingen nicht zu Charlotte.
Sie näherten sich zuerst Naomi und fragten, ob sie medizinische Hilfe benötigte.
Anschließend baten sie die Zeuginnen und Zeugen, ihre Aufnahmen zu sichern.
Eine Mitschülerin, die bisher schweigend zugesehen hatte, trat vor.
„Ich habe alles gefilmt“, sagte sie.
Charlottes Lächeln verschwand.
Die Beamten erklärten, dass der Vorfall unabhängig untersucht würde.
Naomi wurde von einer Vertrauenslehrerin begleitet.
Als sie später im Büro der Schulleitung saß, erhielt sie einen Anruf.
Es war ihre Mutter.
„Schatz, ich bin gleich da.“
Naomi begann erneut zu weinen.
Nicht aus Angst.
Sondern weil sie endlich wusste, dass sie nicht mehr allein war.

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